Herbstliche Flußerkundungen in der Westukraine

August 1988, DDR, Dresden. Ein reichliches Jahr vor der Wende. Ich habe die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und war mit meinen Eltern und ihren Freunden per Einladung zu unseren Freunden in die Georgische Sozialistische Sowjetrepublik nach Tbilisi gereist. Was für ein Erlebnis. Die Gelegenheit hatte nicht jeder. 3.000 km auf abenteuerliche Weise mit meinen Eltern in fünf Tagen mit unserem Pkw Wartburg 353 von Dresden durch Polen und weiter durch die gesamte Ukrainische Sozialist. Sowjetrepublik von Westen nach Südosten (über Lwow [Lviv] – Rovno – Kiew – Charkow) – Rostow am Don und von dort durch die Berge des nördlichen Kaukasus. Unterwegs die in das Schwarze Meer mündenden großen Flüsse überquert: den Dnjepr, den Donez, den Don – später im nördlichen Kauskasus den Kuban, die Kuma, die Kura, den Rioni und den Terek. Damals schon Gedanken für neue Abenteuerziele gehegt mit der Überlegung: „Was für herrliche Faltbootziele in den urigsten Landschaften…“ - Möglichkeiten für Touren in die den Trassenarbeitern wohlbekannte Landschaft der Ukrainischen Waldkarpaten oder die südukrainischen Steppen um Odessa, das Dnepr-Delta bei Cherson bzw. gar ein Abstecher zur Halbinsel Krim waren damals zeitlich und finanziell leider noch nicht zu bewerkstelligen. Die Zeiten jedoch haben sich geändert…

18 Jahre und tausende Paddelkilometer später…

Goldener Oktober 2006. Deutschland, Cuxhaven – inzwischen meine notgedrungene Wahlheimat. Die Mittagstemperaturen erreichen weit über +20 °C, nahezu feststehende Hochdruckgebiete über Mittelschweden und bei Moskau bescheren dem mittel- und osteuropäischen Raum für etliche Tage stabiles Wetter. Seit die Ukraine im Frühjahr 2005 die Visumspflicht für EU-Bürger aufgehoben hat, kribbelte es mir in den letzten Monaten sowieso

schon heftig in den Fingern, den mir noch unbekannten Landstrichen in der westlichen und südlichen Ukraine eine gewisse Aufmerksamkeit zu widmen und nebenbei
neue Paddelreviere zu erkunden. Gesagt, getan…

Montag, 9. Oktober 2006
Dresden – Wisła – Hohe Tatra

Ich entscheide spontan, nehme meinen Resturlaub, packe Zelt, Schlafsack, ein paar Sachen, Kocher, Töpfe, Fotoapparat und kein Faltboot ins Auto, kehre dem institutionalisierten Pöbelklamauk, dem Ramschkonsum und multimedialen Siff für 14 Tage den Rücken und stürze mich in das Leben nach Osteuropa. Am Wochenende von Cuxhaven aus mit Zwischenstopp in Dresden geht es nun weiter nach Osten. Über Görlitz und Wrocław werde ich auf der inzwischen bis Krakau durchgehenden Autobahn A4 und weiter über Tarnow, Rzeszow und Przemysl in die Ukraine fahren. Des tollen Wetters wegen plane ich am Vormittag um, biege in Gliwice nach Süden ab und fahre über die in herrlichster Laubfärbung stehenden schlesischen Beskiden (entlang des Wisła-Oberlaufes) und später das slowakische Fatra-Gebirge und finde mich in der Dämmerung als einziger Gast auf dem seit Ende September bereits geschlossenen Zeltplatz in Tatranská Lomnica unterhalb der Lomnitzer Spitze (Lomnický štít, 2.632 m) in der Hohen Tatra wieder. Die sanitären Anlagen sind bereits alle verschlossen, nur die außen angebrachten Wasserhähne mit Waschbecken zum Geschirrspülen funktionieren noch und geben etwas laues Wasser her. Im Innern der Toiletten bzw. Duschräume höre ich ein Sprudeln und Rauschen – sicher rührt dies von defekten Spülungen bzw. offen gelassenen Wasserhähnen her – schade um den flüssigen Schatz, der ungenutzt so langsam der Donau entgegenströmt…
Auf der noch frisch gemähten Wiese lasse ich es mir vor dem Zelt bei slowakischem Bier, ungarischer Salami und leckerem geräucherten Käse u. Hörnchen unter einem herbstlichen Firmament gut gehen und beobachte am späten Abend am östlichen Horizont den Aufgang der Wintersternbilder.

Hohe Tatra - Blick über Stary Smokovec zur Lomnický štít, 2.632 m

Hohe Tatra – Blick über Stary Smokovec zur Lomnický štít, 2.632 m

Dienstag, 10. Oktober 2006
Hohe Tatra – Presov – Ushgorod – Khust – Rachiv (ukr. Waldkarpaten)

Eine frostige Nacht zaubert zum frühen Morgen hier auf 1.000 m Höhe eine dünne Reifschicht auf das Zelt, die später durch die kräftig scheinende Sonne binnen kürzester Zeit zu Wasser zerfließt. Nach einem ausgiebigen Frühstück wende ich mich vor der Weiterfahrt gen Osten noch einmal den Tatra-Erholungsorten und dem Waldgebiet dazwischen zu. Die Berggipfel der Schlagendorfer und der Lomnitzer Spitze reizen zum spontanen Gipfelsturm – ich jedoch lasse es heute lieber sein und genieße nur den Anblick. Geschockt bin ich aber vom Waldzustand in den unteren Lagen der Hohen Tatra. Zwischen 900 und 1.200 m Höhe steht auf der Südseite entlang der Erholungsorte von Štrbské Pleso bis nach Tatranská Lomnica so gut wie kein größeres zusammenhängendes Waldstück mehr. Der Novemberorkan im Jahr 2004 hat hier eine schier unglaubliche Lücke in das ehemals phantastische Waldgebiet gerissen. Mitunter sieht es aus, als wäre alles erst vor kurzer Zeit passiert. Hier und da ganze Flächen mit noch kreuz und quer liegenden Baumleichen, Baumstubben wohin das Auge reicht, das alles überwuchernde und farblich übertönende Federgras gibt der Landschaft noch einen zusätzlichen und ungewohnten Anstrich von Prärie/Steppe. Überall hört man das Geräusch von Kettensägen, die mit den dazugehörigen Waldarbeitern auf Jahre hinaus noch eine Menge zu tun haben. An die Wiederherstellung des Waldgebietes vor dem Orkan mit einhergehender Wiederaufforstung ist hier noch längst nicht zu denken. Der heutige Zustand jedoch ist traurig anzusehen…

Hohe Tatra - Blick nach Süden zur NiederenTatra

Hohe Tatra – Blick nach Süden zur NiederenTatra

Aber nun auf in die Ukraine, jeder Kilometer auf den nicht vorhandenen Autobahnen zieht sich weit dahin: Zipser Burg (Spišský hrad), Presov, Michalovce. Der Verkehr hinter der „Tatra-Hauptstadt“ Poprad ist relativ dicht, dünnt sich aber, je mehr ich der Ukraine näher komme, ganz gut aus. Mitunter mischen sich in den fließenden Verkehr einige toll anzuschauende Oldtimer verschiedenster europäischer Fabrikate – meist mit englischen und schweizerischen Kennzeichen – die Rallye Tatra-Beskydy 2006 ist im vollen Gange. Am Horizont zeichnen sich in nordöstlicher Richtung die Ausläufer des polnischen Bieszczady-Gebirges und der Höhenzüge der ukrainischen Waldkarpaten ab. Im nahen pannonischen Becken in Ungarn flimmert jetzt in den frühen Nachmittagsstunden noch die Restwärme des vergehenden Sommers 2006.

Oldtimer (der Rallye Tatra-Beskydy 2006) unterhalb der Zipser Burg (Spišský hrad)

Oldtimer (der Rallye Tatra-Beskydy 2006) unterhalb der Zipser Burg (Spišský hrad)

14 Uhr, die Grenze zwischen der Slowakei und der Ukraine ist erreicht: Vysne Nemecke heißt das unscheinbare slowakische Örtchen, bei dem sich eine Abfertigungsanlage für Lkw/Pkw befindet. Die Abfertigung verläuft erstaunlicherweise recht schnell, die Slowaken brauchen nur zwei Minuten zur Pass- und Fahrzeugscheinkontrolle, der ukrainische Grenzer händigt das notwendige Einreiseformular zum Ausfüllen von Name, Vorname, Pass-Nr., Grund der Reise, Zielort und Kfz-Kennzeichen aus. Das ist ganz schnell ausgefüllt und kontrolliert und ich werde gebeten, einige Meter weiter zur Zollkontrolle vorzurollen.

Die Ukraine entdecken (Trescher Verlag)

Die Ukraine entdecken (Trescher Verlag)

Eine in ihrer Parfümwolke sehr sicher stehende und von der Richtigkeit ihres Jobs überzeugte Ukrainerin (ca. Mitte 40) bittet mich, die Heckklappe zu öffnen und ich darf ihr erklären, um welche Art Gepäck es sich bei meinen Campingsachen handelt. Kurze, musternde Blicke genügen ihr, dann fragt sie noch nach mitgeführten Drogen und klappt, einen prüfenden Blick unter den Beifahrersitz dabei nicht auslassend, selbstständig das (längst von mir leer geräumte) Handschuhfach herunter und schließt es gedemütigt wieder. Wohin ich denn fahren würde, will sie noch wissen – ich gebe ihr als Fernziel einfach Odessa an und bringe sie dabei zum Stutzen – damit hat sie wohl nicht gerechnet. Welche Spinner fahren auch noch im Herbst von der Nordsee aus in Richtung Schwarzes Meer. Im Weggehen gibt sie mir das okay zur Weiterreise, wendet sich ab und hinterläßt nichts als den chemischen Zauber ihrer Parfümwolke. Ganze sechs Minuten für dieses Prozedere. Dann bin ich mittendrin im ukrainischen Leben. Eher noch an dessen westlichsten Rand. Das ukrainische Grenzgeschehen erweist sich als unspektakulär, einige alte Mütterchen winken mit Geldscheinen zum Schwarztauschen, eine relevante Wechselstelle, wie man sie an der deutsch-tschechischen Grenze in Massen findet, kann ich hier nicht erkennen. Dann also auf in die erste größere Stadt, nach Ushgorod, sie liegt nur 4 km von der Grenze entfernt.

Die Uhr wird um eine Stunde vorgestellt, schließlich herrscht hier osteuropäische Zeit. Eine Bank ist schnell ausfindig gemacht, selbst an in englischer Sprache zu bedienenden Geldautomaten mangelt es nicht. EC-Maestro-Karte genügt und schon bin ich Sekunden später im Besitz von 700 ukrainischen Griwen (Einzahl: Griwna) im weiteren UAH genannt, was einem Gegenwert von ca. 115 Euro entspricht. Dieser kleine Batzen wird eine lange Zeit aushalten können.

ua_mapfbFür meine Erkundungstour in Richtung Osten bin ich leider nur im Besitz einer recht einfachen Übersichtskarte der Ukraine im Maßstab von 1:1.200.000 – zur Flusserkundung nicht gerade das allerbeste. Etwas genaueres muss her. Für bereits ausgesuchte Flüsse und interessant erscheinende Plätze besitze ich zwar die recht genauen sowjetischen Generalstabskarten aus den mittleren 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, für eine Grobplanung kommen sie jedoch nicht in Frage. Ich entscheide mich daher, in der Innenstadt von Ushgorod einen aktuellen ukrainischen Autoatlas zu ergattern.

Die enge und leider von immensem Privatverkehr geplagte Stadt macht in dieser herbstlichen Atmosphäre dennoch einen recht angenehmen Eindruck auf mich. Die Sonne heizt um 16 Uhr noch kräftig ein, viele Menschen sind noch sommerlich gekleidet und flanieren durch die Stadt. In der Nähe der Haupteinkaufspassage finde ich am Hotel Atlant einen relativ sicheren Parkplatz und begebe mich auf eine kleine Erkundungstour. Schnell wird deutlich: die Ukraine ist absolutes Mobiltelefonierland. Wo man geht und steht, überall begegnet man ständig irgendwie immer telefonierenden Menschen – selbst achtjährige Bengel sind schon eifrig dabei.

Der Fluß Ush in Ushgorod

Der Fluß Ush in Ushgorod

Um nicht die immens hohen Roamingkosten bei der Nutzung meines T-Mobile-Handy bezahlen zu müssen, entscheide ich mich zum Kauf einer ukrainischen Prepaid-Sim-Card, die ich während der Gültigkeit der nächsten vier Jahre bei gelegentlichen Besuchen in der Ukraine ja immer nach Bedarf aufladen kann. Gesagt – getan, ein Englisch sprechender Angestellter eines Elektronikladen auf der anderen Flußseite der träge dahinfließenden Usch hilft mir bei der Installation und Aktivierung der Sim-Card und mit 25 UAH (4 Euro) sowie einer Aufladung in der gleichen Höhe bin ich ab sofort mit einer ukrainischen Mobiltelefonnummer erreichbar.

Die Vielfalt an Geschäften ist eher gering, mehrheitlich finden sich Boutiquen und Geschäfte mit Mobiltelefonzubehör, Verkaufsstände unter freiem Himmel mit viel Plunder, Kitsch und Billigramsch aus Portunesien etc. Sämtlicher Charme aus Sowjetzeiten ist überall und zu jeder Zeit noch immer zu sehen und zu spüren. Vergeblich suche ich einen Buchladen und muss erkennen, dass es inzwischen üblich ist, Bücher unter freiem Himmel, an irgendwie errichteten und nach obligatorisch aussehenden Tapeziertischen feilzubieten. Selbst bei allerschlimmstem Nieselregen werde ich diese Praxis nur einige Tage später in Czernowitz erleben. Einem älteren Mann kaufe ich an seinem Tisch in der Fußgängerzone der Vuliza Woloschina ein nagelneues Exemplar des vom ukrainischen Verlag DNVP in Kiew (http://www.ukrmap.com.ua) frisch verlegten Autoatlasses ab. Er hat den Maßstab 1:500.000 und macht einen recht guten Eindruck. Sein Preis: 25 UAH (4,00 €). Für 200 Seiten nebst Innenstadtplänen von 55 ukrainischen Städten und einem großen Register einen Kauf wert. Achtung: Kaufwütige und es nicht erwarten könnende Interessenten erwerben den Atlas per Internet beim Anbieter Mapfox vorab! Dann schlägt das Prachtstück jedoch mit dem fast siebenfachen Preis (26,90 €/ohne Porto) als Volltreffer in die Urlaubskasse ein! Auch andere, besonders osteuropäische Produkte stehen dort für gut angelegtes Geld in den entsprechenden Preislisten!

Straßenatlas Ukraine

In einem Café, einen Cappuccino nach 15 Minuten Wartezeit bekommend, widme ich mich genauer dem Atlas und addiere mögliche Strecken und Wege, die ich in den nächsten Tagen in der westlichen Ukraine erkunden möchte. Eins der fernen Ziele, den Südlichen Bug erkunden zu können, rückt in die Nähe. Doch welch Schreck: mein heutiges Tagesziel liegt bereits jetzt noch reichlich 210 km von Ushgorod entfernt und es ist bereits 17 Uhr geworden. Die Sonne geht jetzt Anfang Oktober hier bereits 19 Uhr ins Bett und hinterlässt nur einen kurzen Spielraum für Freizeitbeschäftigungen im Dämmerlicht. Für das wuselige Städtchen Ushgorod soll demzufolge keine Zeit mehr bleiben, denn andere Ziele locken. Als heutiges mögliches Ziel hatte ich mir im Internet eine von anderen Reisenden empfohlene Unterkunft in der Nähe der höchsten ukrainischen Karpatengipfel ausgesucht: Die Pension „Lisowa Kazka„, gelegenin Kvasi, einem Ortsteil des Karpatenstädtchens Rachiv, im malerischen Tal der noch jungen Theiß, umgeben von 1.700 bis 2.060 m hohen Bergen.

Ushgorod verlasse ich auf abenteuerlichen Wegen (es sei gleich hier bemerkt, dass Ausschilderungen in ukrainischen Kleinstädten so gut wie überhaupt NICHT vorhanden sind und nur mit viel Fingerspitzengefühl und orientierungssicherer Logik [Sonnenstand etc.] Wege und Richtungen geortet werden können). Auf der E 50 geht es mit Fernziel Lviv für 40 km durch eine ungarisch angehauchte Landschaft (Weinberge, Mais- und Sonnenblumenfelder). In den Dörfern stehen vor den Häusern kleine Tische mit ein bis zwei vollen Flaschen Bier/Wein darauf – ein Zeichen, dass man sich eingeladen fühlen sollte und dort auch bedenkenlos anhalten kann. Einen Dorfkrug, das Gasthaus Zum Pannonischen Weinblatt oder Zum Goldenen Karpatenhirsch bzw. andere Dorfgaststätten westlicher Prägung wird man auch in 100 Jahren hier noch nicht auffinden. Manchmal steht ein Grill am Straßenrand, auf dem ein paar ordentlich bestückte Schaschliks dem ersehnten Verkauf entgegenbrutzeln. Frauen und Kinder managen hier das Servicegeschäft aus Versorgung und Verkauf von landwirtschaftlichen Produkten, Männer nehmen gern schon hier die mir besonders in Südasien aufgefallene und an eine gewisse Unterordnung erinnernde Hockstellung neben ihnen bzw. in gebührender Entfernung zu ihnen ein. Ein beschämenderes Bild der Stellung und des Selbstbewusstseins eines Mannes habe ich sonst nirgendwo gesehen. In der Stadt Mukatschewo (deutsch: Munkatsch, ungarisch: Munkacs) zweigt die Europastraße nach Nordosten, die Karpaten überquerend, in das nördliche Karpatenvorland ab.

Überbleibsel aus sowjetischen Zeiten: Tankstelle auf dem Land

Überbleibsel aus sowjetischen Zeiten: Tankstelle auf dem Land

Am diesmal richtigen Ortsausgang von Mukatschewo in Richtung Tiachiv/Rachiv zwingt mich der langsam immer leerer werdende Tank des Autos zum notwendigen Stopp. Hier, wie auch an fast allen anderen ukrainischen Tankstellen muss nach der mir wohlbekannten sowjetischen Art, den Tank des Autos zu füllen, getankt werden: Ohne eine vorherige Bestellung beim an der Kasse sitzenden Chef über den flüssigen Kraftstoff bewegt sich erst einmal gar nichts! Entweder weiß man, wieviel Liter man haben möchte oder für welche Menge Geld man Benzin kaufen will. Erst nachdem das Geld in der Kasse ist, öffnen sich Riegel und Verschlüsse in Leitungen und Schläuchen, und der Zapfpistole lassen sich flüssige Aromaten entlocken. Ist das Preis- bzw. Literlimit an den fast durchgängig neu errichteten und sehr modernen Zapfsäulen erreicht, schaltet die Automatik von selbst ab.


Benzinpreise in der Ukraine
Die Benzinpreise sind in der gesamten Ukraine recht einheitlich und preislich eng gefasst: Es gibt sowohl regionale Abweichungen als auch zwischen den einzelnen Tankstellenmarken. Normalbenzin bewegt sich im Rahmen von 3,90 bis 4,10 UAH (ca. 0,58 – 0,61 €), Superbenzin 95 zwischen 4,05 bis 4,50 UAH (ca. 0,60 – 0,67 €). Freunde des Diesels können sich über einen fast unbeweglich verharrenden Preis von 3,80 UAH (ca. 0,57 €) freuen. (Aktuelle Preise: siehe Tabelle)

Auf der recht gut ausgebauten P 03 fahre ich weiter in Richtung ukrainisch/rumänische Grenzregion und erreiche vor der Stadt Khust die junge, in einem breiten Kiesbett dahinfließende Theiß. Die weit vorangeschrittene Dämmerung und aufkommender Nebel lassen die in greifbare Nähe gerückten Karpaten im Nirvana verschwinden – sinnvolle Fotografien kann ich dieser recht interessanten Flusslandschaft leider nicht mehr abringen. Durch fast unbeleuchtete Dörfer (max. eine Straßenlaterne aller 500 m) mit enorm viel Publikumsverkehr (Pferdefuhrwerke und Fahrräder, die fünf Meter vor dem Fahrzeug plötzlich im Scheinwerferkegel auftauchen; selbstmörderisch dahintorkelnde Betrunkene; in adrettem Schwarz gekleidete Bäuerinnen, deren samtene und wollene Körperbekleidung jegliches Licht verschlucken) geht es am rechten Ufer der Theiß langsam bergauf. Von den Bergen im Norden her strömen die lohnenden Wildwasserflüsse Rika, Tereblja und Teresva der Theiß entgegen. Ich erahne nur ihre Mündungen. An einem halbseitig geschlossenen Bahnübergang vor Solotvino (der vermutlich das ganze Jahr geschlossen sein muss – Grund? Vielleicht Faulheit.) werde ich, wie auch andere Pkw, von einem alten Mütterchen, das mit einem schwarz-weißen Verkehrsregelstab ausgerüstet ist, um die Schranken herumgeleitet. Ab und an begegne ich auf der Gegenfahrbahn nach Hause rennenden Kühen – die brauchen ihre Hirten nicht mehr – die haben auch schon Arbeitsplätze eingespart! Je höher ich gelange, um so mehr wird das Rauschen der Theiß im hier schon tief eingeschnittenen Tal an der Grenze zu Rumänien hörbar – nichts mehr mit Wanderpaddeln hier in einer der Mitten Europas: Nachdem ich von einem plötzlich auftauchenden Grenzposten die Durchfahrtserlaubnis erhalte, komme ich am Ortsteil Dilove des Karpatenstädtchens Rachiv vorbei. Dilove ist einer der wenigen Mittelpunkte Europas. Es ist, um es mit klarer Überzeugung zu sagen: Das Herz der europäischen Gastfreundschaft schlechthin.

Mittendrin
Hauptmann Netuschill vom k. k. militärgeographischen Institut zu Wien vermaß 1887 mit seinen Ingenieuren den Kontinent und stellte fest, dass die exakte Mitte Europas im toten Winkel der ukrainischen Waldkarpaten, nahe der Kleinstadt Rachiv liegt. 114 Jahre später – ein Besuch. Am Straßenrand, 47° 58” nördlich des Äquators, 24° 12” östlich von Greenwich steht ein Braunbär. Gegen ordentliche Bezahlung übersetzt er die Inschrift auf dem Gedenkstein: „Locus perennis – der ewige Ort„. Sergej besitzt als Einziger in der Region eine Sofortbildkamera. Im Bärenfell schwitzt seine Frau. Im Sommer warten sie auf Touristen, die sich im Zentrum Europas fotografieren lassen wollen – meist vergebens. Auf der „Straße des Friedens“ steht ein Kiosk. Darin die schlohweiße Raja. Sie ist klein, alt und nach eigenem Bekunden „Mitteleuropäerin„. In Österreich geboren, ging sie in der Tschechoslowakei zur Schule, gebar in Ungarn einen Sohn, schlug sich in der Sowjetunion als Näherin durch und verbringt nun ihren Lebensabend im ukrainischen Kiosk. Bewegtes Leben? „Nie rausgekommen aus der Mitte Europas„, sagt die alte Raja. Nur die Besatzer haben in Rachiv gewechselt, öfter als irgendwo sonst in der Welt. Wenn man sie nach der „Mitte„ fragt, lächelt die Alte und deutet auf ihre Armbanduhr. Sie zeigt acht Uhr. Auf dem gesamten Staatsgebiet der Ukraine ist es aber offiziell bereits zehn Uhr Kiewer Zeit. „Nicht für uns in Rachiv. Wir haben europäische Zeit„. Ein Besucher erklärt: „Hier leben Zigeuner, Polen, Deutsche, Moskitten (Russen), Italiener und Juden.„ Sein Nachbar unterscheidet lediglich zwischen „Ukrainern und dem Rest„. Ernest Neumann (90) ist der letzte Chassidim in Rachiv. Er spricht neun Sprachen. Wenn er von «de Jidden» erzählt, von Vertreibung und Mord, vom Ende einer europäischen Kultur, dann spricht er deutsch. 1940 von ungarischen Nazikollaborateuren verhaftet, entkam er, floh bei Jasinja über die Grenze in die Sowjetunion und landete als „deutscher Spion„ (!) in einem Straflager bei Workuta am Polarkreis. Als er 1947 zurückkehrte, gab es keine Juden mehr in Rachiv: „Ich hab im ganzen Leben gewollt nicht anders, als weg von de Mitten Europa.„ Neumann blieb… aus: Stanislaw Mucha, Die Mitte (Film 90 min., 2004) -> siehe auch: Presseheft zum Film

Die Pension Lisowa Kazka ist in Kvasi gut ausgeschildert, ich erreiche sie noch vor 22 Uhr. Der Sternenhimmel ist fantastisch, alles klar und eine angenehm frische und saubere Bergluft umgibt mich – es verspricht, eine kalte Nacht zu werden. Die Pension macht einen sehr guten Eindruck, gepflegte und gut ausgestattete Zimmer, freundliche Bedienung, das Restaurant lädt zum Verweilen ein und hat auch ein für westeuropäische Ansprüche ausgereiftes Menü. Und: Das Bier schmeckt! Für mein Zimmer bezahle ich 120 UAH (19 €) und bin damit voll zufrieden. Unter den Gurgelgeräuschen der nur wenige zig Meter von der Pension entfernt fließenden Schwarzen Theiß entschlummere ich in meinen ersten Waldkarpatentraum…

Mittwoch, 11. Oktober 2006
Rachiv – Jasinja – Ivano-Frankivsk – Kalush – Halytsch/Dnestr

Der nächste Morgen gibt sich ein Stelldichein mit dickem Nebel. Die Außentemperatur von nur +6 °C erinnert so richtig an einen rustikalen Herbsttag. Da sich der Nebel partout nicht bis in die elfte Tagesstunde lichten wird, gebe ich meinen Plan, direkt von hier aus zum höchsten Berg der Ukraine (Hoverla, 2.061 m) wandern zu wollen, leider auf. Es wären zusätzlich Wege in einem so gut wie unerschlossenen Gebiet zu erkunden und ein Höhenunterschied von 1.300 m zu überwinden – für einen mit nur wenig Licht ausgestatteten Herbstwandertag ein eher recht kühnes Unternehmen. Schließlich bin ich ja in der Westukraine zum Flüsse erkunden und außerdem sollte meine sommerliche Kammwanderung über 100 km durch das Rila- und Piringebirge in Bulgarien für dieses Jahr ausgereicht haben.

Durch das Reich der Huzulen

Nachdem hier in Kvasi der Nebel fast aufgelöst ist, breche ich gegen 10:30 Uhr in Richtung Jasinja auf. Am Ufer der teils eingemauerten und oft durch enge Passagen fließenden und fast unverblockten Schwarzen Theiß geht es noch für 15 km bergauf, bis der langgestreckte Ort erreicht ist. Der Nebel wird wieder dichter, eisige Luft um 0 °C durchströmt das Hochtal. Jasinja ist idealer Ausgangspunkt für Bergtouren auf die Blisnitza (1.882 m), den Petros (2.022 m), die Hoverla sowie in das Schwarze-Berge-Massiv (Tschorna Gora, 2.020 m). Die großflächigen Buchen-, Tannen- und Fichtenwälder sind hier sehr gesund und recht gut erhalten, die Tierwelt sehr artenreich und mitunter kann es passieren, dass man auf Wesen trifft, die man in Westeuropa nur noch aus dem Märchenbuch oder Zoo kennt (Bären, Wölfe, Luchs). Im Ort wird viel gebaut (Geschäfte im Ortszentrum) – aber Jasinja wird eher den Charakter eines landwirtschaftlich geprägten Dorfes behalten. Wintersportfreunde (Skilanglauf) kommen im Januar bis März in einer immer tief verschneiten Landschaft voll auf ihre Kosten. Man befindet sich mitten im Reich der Huzulen, einem Gebiet, in dem die letzten freien Bergbewohner der Karpaten siedeln. Ethnographisch interessierte Touristen werden ihre wahre Freude an der Erkundung der huzulischen Architektur und Lebensweise haben. Hier gibt es reichlich Erkundungspotential für mehr als 14 Tage!

theiss_01 theiss_02

Preise im Restaurant der Pension „Lisowa Kazka“
In ukrainischen Restaurants der mittleren bis gehobenen Klasse (sowohl in Städten als auch auf dem Land) wird sehr gutes einheimisches und für westeuropäische Verhältnisse sehr preiswertes Essen kredenzt. Die Speisekarten sind gut und abwechslungsreich gefüllt, teilweise auch in englischer Sprache verfasst. Diese manchmal serviceorientierten Gaststätten sind leider nur dünn gestreut und man muss ein Gespür haben, sie auffinden zu können.
Bier: 0,33 l – 2,00 UAH (0,30 €) /0,5 l – 3,00 UAH (0,45 €)
Cola: 0,33 l – 1,70 UAH (0,25 €)
Heiße Schokolade: 5,00 UAH (0,75 €)
Espresso: 3,50 UAH (0,52 €)
1 Schoppen Rotwein: 3,20 UAH (0,48 €)
100 g Wodka: 12,00 UAH (1,80 €)
Griechischer Salat (200 g): 12,00 UAH (1,80 €)
Rote-Bete- o. Ananas-Salat (150 g): 7,00 UAH (1,05 €)
Rote-Bete-Kiwi-Salat (200 g): 7,50 UAH (1,12 €)
Transkarpatensalat (200 g): 7,00 UAH (1,05 €)
Salad for beloved woman (200 g): 31,50 UAH (4,70 €)
Pilzsuppe (400 g): 10,00 UAH (1,50 €)
Borschtsch (400 g): 7,50 UAH (1,12 €)
Soljanka (300 g): 11,00 UAH (1,64 €)
Wareniki m. Käse (200 g): 5,00 UAH (0,75 €)
diverse Hauptgerichte von 11 bis 22 UAH (1,64 – 3,30 €)
Schachtel Marlboro (für die, die es nicht lassen können): 4,00 UAH (0,60 €)

Weiter auf der Hauptstraße erreiche ich schnell den Pass Jablunizki in 931 m Höhe. Die Sonne scheint und der abziehende Nebel gibt einen Blick auf die Hauptkette der ukrainischen Waldkarpaten frei. Hoverla und Petros sind nur zu erahnen, dafür wird das Massiv mit der 1.882 m hohen Blisnitza frei. Am Pass selbst ist viel Touristenrummel. Eine halb verfallene Gaststätte aus Sowjetzeiten ächzt vor sich hin. Verkaufsbuden en masse. Hach und was findet sich dort alles: Geschnitzter Trödel, Tand und Plunder (hölzerne Löffel und Gabeln für Riesen), diverse Wollsachen aus Schafwolle (Jacken, Mützen, Schals), bergeweise Schaffelle mit deutschem Echtheitssiegel [sic!] und den daraus obligatorisch gebastelten Fabrikaten wie Gästeschuhe, Stiefel. Ausgestopfte Hirsche, Wildschweine, Füchse und Birkhühner warten auf ihre Käufer – es sind halt Dinge, die der Tourist zu Hause in seiner Wohnung unbedingt braucht!

Blick vom Jablunizki-Pass auf die Hauptkette der Waldkarpaten mit der 1.882 m hohen Blisnitza

Blick vom Jablunizki-Pass auf die Hauptkette der Waldkarpaten mit der 1.882 m hohen Blisnitza

Mein Weg führt mich nach dem Pass in das Tal des Pruth und seiner Nebenflüsse. Ich genehmige mir die Zeit zu einem 10 km-Abstecher in das malerisch gelegene Örtchen Paljanizja, weil dort ein mindestens 1.600 m hoher Berg mit seiner hellgrün schimmernden Blockschutthalde (oberhalb der Baumgrenze) im Gipfelbereich lockt – leider ist ein Wanderweg dahin von mir nicht zu entdecken.
Die Straße endet an einer staubigen Baustelle eines neu eingerichteten alpinen Abfahrtshanges – man sieht: Es tut sich etwas in der Ukraine in Sachen Devisen einbringender aber leider nicht ganz nachhaltiger Aktivitäten! Auf alle Fälle lohnte sich der Abstecher – ich konnte einiges von der typischen huzulischen Holzarchitektur der Streusiedlung Paljanizja erblicken. Wieder auf der Hauptstraße angekommen, entschließe ich mich zur Mitnahme einer trampenden katholischen Nonne. Mit ihr kann ich mich noch recht gut auf Russisch unterhalten und erfahre vieles aus der Region (Zur Beruhigung! NEIN: Ich habe sie nicht auf einem einsamen Waldweg verna….!). Vor den Häusern der Ortschaften werden sowohl getrocknete als auch marinierte Pilze in riesengroßen Gläsern sowie frische Preiselbeeren angeboten – ein einladendes Bild! In Jaremtscha, einem 10.000 Einwohner zählenden Erholungsort, lasse ich die Nonne wieder frei – sie wollte für ihre Mitnahme ca. 5 UAH zahlen (0,80 €) – ich verzichte dankend darauf und verabschiede mich. Jaremtscha liegt am hier noch sehr gut wildwassertauglichen Pruth, der hier eine Kaskade von mehreren Stromschnellen bildet, die neben den Dovbusa-Felsen natürlich eine Hauptattraktion des Tourismus im Ort sind.

Die Karpaten am frühen Nachmittag nach Nordosten verlassend liegt Grenzland vor mir. Vor meinen Füßen breitet sich viel Geschichte aus: Litauen, Polen, Österreich-Ungarn, Rumänien, Ukraine, Russland und die Sowjetunion waren bestimmend in Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Sprachraum und Architektur. Allein in den letzten 150 Jahren hat es im Gebiet von Ostgalizien, Wolhynien, Bessarabien und der Bukowina bis zu 20 verschiedene Grenzziehungen und -situationen gegeben, die, wenn man den heutigen Konflikt um Transnistrien/Moldawien mit einbezieht, immer noch keine offizielle Ruhe gefunden haben.

02

Der Blick in das Tal des Pruth, was sich im Dunst des östlichen Horizontes verliert, lässt einen ersten Eindruck der unendlich erscheinenden Steppe erahnen, die sich von hier an für mehrere tausend Kilometer bis weit nach Asien ausbreitet. Landwirtschaftliche Strukturen, wie man sie aus West- und Mitteleuropa kennt, hören ab hier auf zu existieren – kleinräumige Landschaften wird man von hier an vergebens suchen.

03

Der Pruth vor der Ortschaft Tovmatchik – im Oktober nur ein schmales und flaches Rinnsal – an dieser Stelle zum Paddeln fast ungeeignet. Der angespülte Plastemüll im Ufergestrüpp lässt jedoch auf Frühjahrswasserstände schließen, die mindestens 1,5 bis 2 m höher liegen. Im April/Mai stünde ich hier an dieser Stelle mitten im reißenden Strom. Die Wasserqualität ist soweit in Ordnung, es ist klar, stinkt nicht und das leichte türkisblaue Schimmern stammt von gelöstem Kalkstein. Und all das Wasser entwickelt sich noch im Lauf von einigen hundert Kilometern zum zweitgrößten Nebenfluss der Donau.

04

Auf dem Weg zu den Karpatenflüssen Limnitza, Nadvirnjanskaja und Solotvinska Bistritzja in dessen nördlichen Vorland begebe ich mich vom Ufer des Pruth abseits von Fernverkehrsstraßen auf Straßen der 3. und 4. Ordnung in Richtung der Oblasthauptstadt Ivano-Frankivsk. Vorbei an mehr schlecht als recht gepflegten Soldatenfriedhöfen, durch verwilderte und vielfach unbestellte Felder sowie teilweise mit Stacheldraht eingezäunte Wäldchen bemerke ich schnell die begrenzten Möglichkeiten einer noch gerade so funktionierenden Verkehrsinfrastruktur. Ich komme auf dieser Art Straßen nicht schnell genug voran, um Strecke machen zu können.

05

Hier zerbröselt der Asphalt unter der Gluthitze des Sommers, den Regentropfen der Gewitterstürme und im Frost der eiskalten Winterstürme einfach so dahin. Was einmal vorhanden und vor langer Zeit intakt war, wird nicht mehr gepflegt, Baustellen und Straßenreparaturen sind hier Fremdwörter. Meist erobern sich die einheimischen Autofahrer neben der zerfallenden Asphaltdecke auf den lehmigen Äckern eine neue Spur und fahren darauf seelenruhig bis zum nächsten Regenschauer bzw. bis es nicht mehr geht. In den Dörfern und Städten selbst sieht es noch katastrophaler aus: Schlaglöcher noch und nöcher reichen sich die Hand, fehlende Gullydeckel, herausragende Eisenbahngleise und Straßenbahnschienen werden schnell zum einschneidenden Erlebnis eines manchen Reifen. Monströs überhöhte Bordsteinkanten lassen mitunter auch mal eine Beifahrertür nicht weiter als 20 cm öffnen.

05_a

05_c

Vor der reichlich 200.000 Einwohner zählenden Oblasthauptstadt Ivano-Frankivsk gelange ich zu den bereits oben erwähnten Flüssen Nadvirnjanska Bistritzja und Solotvinska Bistritzja. Ziemlich ausgetrocknet offenbart sich mir das Kiesbett des jeweiligen Flusses. War ja auch nicht anders zu erwarten nach diesem recht trockenen Sommer und Frühherbst 2006. Beide Flüsse haben hier bereits 05_bca. 60 bis 70 km Lauflänge hinter sich und machen von der Wasserqualität her einen sauberen Eindruck. Die Ufer sind mit dichtem Weidengestrüpp bestanden, das Umland wird durch Deiche geschützt. Die teilweise sehr weit verzweigten Flussbetten bieten dennoch viel Abwechslung. Die beiden Bistritzjas vereinigen sich unterhalb Ivano-Frankivsk zur Bistritzja, die von hier aus noch ca. 15 km bis zur Mündung in den Dnestr zurücklegt. Eine Befahrung würde ich im Zeitraum der in den Karpaten endenden Schneeschmelze empfehlen (später April bis Ende Mai) – in niederschlagsreichen Frühsommern wird der Wasserstand für eine 2 bis 3-tägige Wasserwanderung ausreichend sein – der Dnestr bietet im Anschluss an solch eine Kurztour ganzjährig ja gute Wasserstände.

06

07

Nicht anders verhält es sich mit den von hier aus weiter nordwestlich liegenden, und ebenfalls aus den Karpaten kommenden Nebenflüssen des Dnestr, der Limnitzja, der Svicha und dem Stryj.

Der jetzt im Berufsverkehr befindlichen und damit überlasteten Stadt Ivano-Frankivsk widme ich keine Zeit und fahre über Kalush an der Limnitzja weiter bis zu deren Mündung in den Dnestr beim Städtchen Halytsch. Dieser 1.100 Jahre alte Marktflecken am rechten Ufer des Dnestr war einst Namenspatron von Galizien (Halytsch -> Galytch -> Galizien). Von städtischer Struktur ist außer den Überresten der Burganlage sowie einem recht offen gestalteten Marktplatz mit dem Reiterstandbild von Danilo Romanowitsch von Galizien leider nicht mehr viel zu entdecken.

Endlich! Der Dnestr.

Die Straßenbrücke der Straße P 03 in Richtung Lviv bringt mich hinter Halytsch zum ersten Mal über den Dnestr. Zirka 200 m schätze ich seine Breite, seine Ufer teilweise mit großen Weiden und Pappeln bestanden. Einen tollen Sonnenuntergang im Rücken biege ich von der Hauptstraße ab und versuche auf einer Ortsverbindungsstraße am linken Ufer das Örtchen Marijampil gegenüber der Bistritzja-Mündung zu erreichen. 14 km sind es zwar noch bis dahin, jedoch reizt es mich schon vorher, einfach mal den Uferbereich hier an diesen weiten und ebenen Wiesen zu erkunden. Unendlich wirkt der Weg auf einem gut befestigten Fahrweg, der nach 3 km auf einem Deich endet. Der Blick zum Fluss wird versperrt durch Weidengestrüpp. Das gegenüberliegende Ufer dagegen besteht aus einer großen Wiese mit einer 3 m hohen Abbruchkante zum Fluss. Ich nehme den windgeschützten Bereich hinter dem Deich als meinen heutigen Schlafplatz und kann hier zufällig auf ein (für mich bereitgelegtes) Reservoir an unterarmstarkem Holz zurückgreifen, was mir ein mehrstündiges Lagerfeuer sichern wird.

08

09

Donnerstag, 12. Oktober 2006
Halytsch/Dnestr – Buchach – Chortkiv – Borschtschiv – Seretmündung

Kühe waren es, die mich heute morgen weckten. Eine Herde wurde am frühen Morgen mit viel Lärm durch die Uferwiesen getrieben. Doch ich hatte Glück, ich wurde verschont. Verschont von Tretminen und störrischen Rindern. Das greise Ehepaar, was sich um die Milchproduzenten kümmerte, hatte ein Einsehen mit dem irren Deutschen, der da am Ufer des Dnestr nächtigte. Die Sonne strahlte wieder die ganze Ukraine aus und es versprach, ein guter Tag zu werden. Also machte ich mich auf den Weg zu weiterer Erkundung der Gestade des großen westukrainischen Flusses. 30 km entlang des linken Ufers auf Schotterpisten wie am Vortag – leider zeitraubend und mühselig. Dafür begleitet von faszinierender Herbststille, einer seichten Uferlandschaft mit sanft gewellten Berghängen, Einfachheit der Dörfer und ihrer Bewohner. Maisstrohpuppen stehen überall an den Hängen. Die herbstlichen Feuer zum Abbrennen von Kartoffelkraut und sonstigen brennbaren Bioabfällen des vergehenden Sommers zaubern ein süßliches Aroma über das gesamte Land. Es gibt der noch spätsommerlich wirkenden Zeremonie eine ausdrucksstarke und betonende Note. In der Nähe von Dörfern schwimmen Gänse scharenweise auf den leicht gekräuselten Wellen. Das Wasser des Dnestr macht einen sehr sauberen Eindruck. Der muffige und teils faulige Geruch, wie ich ihn von manch deutschem Flussufer her kenne, begegnet mir hier nicht.

10
Ufer des Dnestr bei Ustja-Selene

maisstrohpuppen

Im Dorf Ustja-Selene gelingt es mir mal wieder, einen Einheimischen mitzunehmen. Er, ein pensionierter Agraringenieur um die 70 Jahre alt, hatte den Bus in das nächst größere Städtchen verpasst. Wir kommen gut ins Gespräch – auch über die vorherrschenden katastrophalen Straßenverhältnisse – zumindest lassen mich meine Russischkenntnisse doch eine Menge von dem Gesprochenen verstehen.

dnestr_sat
Dnestrmäander im Satellitenbild zwischen Koropez bis kurz vor Novodnestrovsk (© Google Maps)

Das vermutlich vorteilhafteste an einer Dnestr-Befahrung in diesem Abschnitt ist die Abgeschiedenheit der Landschaft gegenüber großen Städten, Industrieanlagen sowie stark befahrenen Straßen. Entsprechend ungünstig liegen demzufolge auch die Zugangswege zum Inspizieren bzw. Ein- und Ausbooten. Große und kurios gestaltete Mäander vollführt der Lauf des Flusses auf einer Länge von reichlich 300 km zwischen den Städtchen Koropez und Novodnestrovsk (links oben bzw. am rechten Kartenrand des obigen Bildes). Einige dieser Schlingen ermöglichen Tagestouren stromab, bei denen man am Abend fast den gleichen Schlafplatz wie am Vortag nutzen kann. Nur wenige und weit entfernt voneinander liegende Brücken lassen kaum eine Möglichkeit zu, mit dem Auto mal schnell auf die andere Flussseite zu gelangen, um das andere Ufer zu inspizieren.

11
Die Stripa in Buchach

In Dibrova verlasse ich deshalb das Dnestrufer und wende mich auf der Straße P 25 (Ivano-Frankivsk – Ternopil) der Landschaft und den Nebenflüssen links des Dnestr zu. Im Städtchen Monastiriska lasse ich den glücklichen Opa wieder frei – er war übrigens eher als der Bus dort – diesen hatten wir unterwegs überholt.

11_1

Durch weite und große Felder, entlang an Windschutzstreifen, bestehend aus Pappeln und niederen Büschen geht es weiter auf dem Weg gen Osten. Die Kleinstädte Buchach, Chortkiv, Skala-Podilska und Borschtschiv an den Nebenflüssen Stripa, Seret, Nichlava und Sbrutch sind meine heutigen Nachmittagszwischenziele. Diese ehemals ostpolnischen Städtchen sind wahre architektonische Kleinode mit Denkmalen aus längst vergessenen Zeiten (Rathäuser, Klöster, Burgen und Schlösser, diverse Glaubenshäuser – siehe auch das spannende und informative Internetportal zu Architekturdenkmälern in der Ukraine). Was in den brutalen Kriegswirren vor reichlich 60 Jahren verschont wurde, kann sich trotzdem sehen lassen und sollte neu entdeckt werden – es lohnt sich. Vieles davon wurde zu Sowjetzeiten leider missbraucht, missachtet, geschliffen und damit gänzlich unbrauchbar gemacht.

13
Das Tal des Seret nördlich der Stadt Chortkiv

14
Der Seret an der ehemaligen Getreidemühle der Stadt Chortkiv

15
Der Seret unterhalb der ehemaligen Getreidemühle der Stadt Chortkiv

Alle bereits oben genannten Nebenflüsse des Dnestr durchschneiden hier im regelmäßigen Abstand von ca. 25 km das Gebiet der Podolischen Platte. Sie mäandern dabei stark und bilden teilweise canyonartige Schluchten mit Hanghöhen von bis zu 80 Metern. 16_1An diesen Hängen gibt die Podolische Platte ihre großen geologischen Geheimnisse preis und offenbart dem interessierten Weltenbummler einen Großteil der Weltgeschichte der letzten 50 Millionen Jahre. Man stolpert an den Hängen der Täler über Meeresablagerungen in Form von versteinerten Muscheln, Ammoniten, Donnerkeilen und Haifischzähnen.

Die Podolische Platte ist außerdem das größte zusammenhängende Gips-Karstgebiet der Erde und erstreckt sich quasi in einem langen Bogen von der polnischen Grenze bis weit nach Moldawien. Die hinlänglich bekannten Ausprägungsformen des Karstes wie Tropfsteinhöhlen, Dolinen und Kegelberge wie aus Kroatien, Thailand oder Südchina bekannt, gibt es hier leider nicht in dieser extremen Ausfertigung. Die dritttlängste Höhle (längste Gipshöhle) der Welt, die Optimistitschna Petschera (russ./ukr. печера [petschera] = Höhle) mit bisher 236 km erkundeten unterirdischen Wegen und Klüften würde man dennoch nicht unter diesen unscheinbaren und sanft gewellten Feldern vermuten. Der Dnestr durchschneidet in seinem weiteren Lauf die ehemaligen Meeresablagerungen in Form einer engen und canyonartigen Schlucht mit bis zu 160 m hohen Wänden.

16

17
Der Seret beim Dorf Ugrin

18
Das Tal eines in die Nichlava mündenden Baches unweit des Dorfes
Pischtschatinzy

19
Der Fluß Nichlava unweit von Korolivka

20
In der Nähe des Haupteingangs zur Optimistitschna-Höhle

Nach der Optimistitschna-Höhle erkundige ich mich beim Dorf Korolivka näher und finde an einer mitten in der Pampa stehenden Tankstelle unweit einer Straßenkreuzung einen auskunftsfreudigen Tankwart. Er teilt mir durch sein 20 × 20 cm großes Abkassierfensterchen in der Wand mit, dass man sich zu einer Besichtigung der Höhle den Schlüssel im 250 km entfernten Lviv besorgen muss und am besten gleich noch die verantwortlichen Höhlenkundler mit dazu, so dass nichts schief gehen kann. Warme Schmuddelsachen, Gummistiefel, Stirnlampe und Helm sind bei einer Besichtigung der ca. 8-10 °C kalten Höhle notwendige Ausrüstungsgegenstände. In der näheren und weiteren Umgebung soll es aber inzwischen auch für „normale“ Touristen zugängliche und ebenbürtige Höhlen geben, die man aufsuchen kann: die Krischtaleva-Höhle (bei Krivtche), die Verteba-Höhle (bei Biltche-Solotje am Seret) und die Atlantida-Höhle kurz vor der Mündung des Sbrutch in den Dnestr (bei Savallja).
Wenn sich im Jahr 2007 eine deutsche Paddlergruppe zusammenfinden sollte, die sich für eine der Höhlen interessiert, könnte man Kontakte zu den Lviver Speläologen herstellen, um eine Besichtigungstour zu organisieren.

Für die kommende Nacht suche ich mir auf der Karte eine besonders strategische und vielversprechende Stelle am Hochufer des Dnestr unweit der Mündung des Seret aus. Von der Optimistitschna-Höhle bis dahin sind es noch 18 km. Ich werde mit meinem Gespür nicht enttäuscht und bin pünktlich zum Sonnenuntergang an einem optimalen Plätzchen mit 180° Rundblick in das 90 m unter mir liegende Geschehen zwischen den Dörfern Gorodok und Vasiliv an beiden Ufern des Dnestr. An einem diesmal nur kleinen Lagerfeuer (kein größerer Waldabschnitt in der Nähe) mit fingerstarken Akazienzweigen kann ich für mehrere Stunden dennoch das interessante Leben hier hoch über dem Fluss beobachten: Nach und nach erlöschen auf den hier schmalen Feldern die tagsüber dutzendfach angelegten und an ihren langen Rauchfahnen zu erkennenden Mini-Biomüllverbrennungsanlagen. Elektrisches Licht an und in den Häusern verlischt nach und nach. Die in der jeweiligen Dorfstraße obligatorisch vorhandene Nachtwächterlampe zeugt als einziges modernes Lebenszeichen von Zivilisation. Bellende Hunde erzählen sich das Erlebte des Tages in der Nachbarschaft, sagen sich zueinander gute Nacht und erklären lautstark den Kötern der anderen Dnestrseite, wer hier und da das Sagen hat. Die gelbe Halbmondsichel strebt im Osten über die Felder gen Zenit und taucht das Tal in einen silbrigen Glanz. Die verblassenden Rücklichter eines in die Stadt zurückfahrenden Wolgas verschwinden hinter dem Knick in der Straße. Dann ist Nacht über dem Dnestr.

21
Mündung des Seret in den Dnestr (bei Gorodok)

21_map

22
Dnestr (zwischen Gorodok und Vasiliv)

Freitag, 13. Oktober 2006
Seretmündung – Melnizja Podilska – Kamenetz-Podilski

Welch ein Morgen! An diesem Ort. Zu dieser Zeit. Mitten im Oktober. Alles wirkt wie im Hochsommer. Der ewig blaue Himmel – leider ohne Fotografierwölkchen. Ich nehme mir heute Zeit und genieße den Standort hoch über dem Fluss. Es ist zu interessant. Dafür komme ich jedoch erst spät los. Aber das ist nicht schlimm. Ich habe ja Zeit – Urlaubszeit, Genießerzeit.

Für ca. 60 km Fahrstrecke begleite ich abschnittsweise noch einmal das linke Ufer des Dnestr, entdecke verwahrloste und heruntergekommene Dörfer, verfallende Verwaltungsgebäude ehemaliger landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (Kolchosen) und den morbiden Charme alter Kulturhäuser und Einkaufsmöglichkeiten sowjetischer Prägung im ländlichen Raum. Mit viel Kitsch umgarnte Marienstatuen, Friedhöfe mit kunstblumenüberschütteten Gräbern und luxuriös sanierte oder ganz neu erbaute Gotteshäuser orthodoxer/katholischer Prägung stehen hier ganz im Gegensatz zur verfallenden und nicht mehr sanierten weltlichen Infrastruktur. Ähnliche Tendenzen habe ich auch im Sommer 2006 in Bulgarien beobachten können.

26_1
Kulturhausruine im Dorf Dsvinjatschka

In der einst über weite Strecken maschinell hervorragend unterstützten Landwirtschaft der Ukraine sowjetischer Prägung taucht mehr und mehr wieder Handarbeit auf: Vor den Häusern in den Dörfern sitzen ganze Familienverbände und verlesen von Hand die vorab auf den Feldern geernteten und danach vor den Grundstücken abgeschütteten Zucker- und Futterrübenerträge. In jedem Dorf ist zu dieser Jahreszeit auch der Kohl-Laster unterwegs und mit Mistgabeln werden die Weißkohlköpfe auf der Ladefläche einzeln aufgespießt und nach Bedarf/Bezahlung vom LkW bei den einzelnen Gehöften/Häusern abgeladen.

ua_live Maisstrohfuhre mit einem Lada als „Zugmaschine“ – in Flensburg gäbe es saftig Punkte…

Die ländliche Frischwasserversorgung geschieht fast durchweg in Form von Ziehbrunnen, die mitunter als aufwendig mit Holz verziertes und überdachtes Mini-Rundhäuschen von 80 cm Durchmesser vor jedem Grundstück an der Straße stehen oder in den Grundstückszaun integriert sind. Jeder dieser Brunnen ist als kleines Kunstwerk zu betrachten, denn die Wahrscheinlichkeit, dass einer dem anderen gleicht, ist fast ausgeschlossen.

Wer schon einmal im tiefsten Russland (oder der vergangenen Sowjetunion) unterwegs sein durfte, dem sind bestimmt die russischen Vorlieben für die besonders grelle Farbgebung von Türen, Fensterrahmen, Gartenzäunen oder auch ganzen Hausfassaden auffällig geworden: Strahlendes hellblau, hellgrün, türkis und violett sind da die Favoriten. Genauso verhält sich das auch in der Ukraine. Das muss im wahrsten Sinn des Wortes abgefärbt haben. Teilweise sind die Zäune ganzer Dörfer mit ein und derselben Farbe gestrichen – meistens immer ganz frisch – denn nichts anderes gibt der Zivilisation so viel Leben und Frische wie das russische Blau!

ua_zaun

Der träge dahinfließende Dnestr hat in Jahrmillionen langer Arbeit eine Landschaft geformt, die es so in Europa kein zweites Mal gibt. Vergleiche zum Tal der Saale zwischen Bad Kösen und Weißenfels drängen sich auf Grund eines ähnlichen beschaffenen geologischen Untergrundes auf. Jedoch ist hier alles um einige Faktoren größer. Durchschnittlich 90 bis 160 m hoch sind die Hänge, die von erosiven Kräften geformt wurden. Freiliegender und in der Sonne in verschiedensten Farben leuchtender Muschelkalk wechselt sich mit den Farben der jeweiligen saisonalen Vegetationsdecke ab. Kalkliebende Gewächse bestimmen das Pflanzenkleid. Eine ideale Option zum Weinanbau – doch der Wein wächst erst wenige 100 km weiter südlich in der Republik Moldawien – ein für seine 3.000 Jahre alte Weinbautradition berühmtes aber im Westen eher noch unbekanntes Pflaster. Für die Weinpflanze hier in der Südwestukraine ist der Einfluss des langanhaltenden eisigen russischen Winterwindes eher von Nachteil.

Die folgenden unkommentierten Ansichten stammen von der großen 180°-Schlinge des Dnestr zwischen den Dörfern Kolodribka und Piliptsche:

23

24

25

26

26_sat

An oben abgebildetem verfallenen Kulturhaus in Dsvinjatschka spricht mich plötzlich eine ältere Frau an, ob ich sie mit ihrem Enkel mitnehmen könne. Ihr Taxi war mit defekter Maschine liegen geblieben und ihr gebuchter Zug von Kamenetz-Podilski nach Kiew würde nicht auf sie warten. 26_2Gesagt getan, ich mache die Rücksitzbank für den siebenjährigen Dreikäsehoch frei, stopfe ihre bleischwere Reisetasche in irgendwelche freiwerdende Löcher im Kofferraum und schwupps sitzt die nette ältere und sehr gesprächige Dame auf meinem Beifahrersitz in Richtung Bahnhof. Unterwegs erzählt sie mir von dem alten Dreiländereck, welches wir kurz darauf in dem alten Grenzort Okopi passieren und weist mich auf die Jahrhunderte alten Grenz- und Zollabfertigungsgebäude hin, die wie eine Porta eines römischen Kastells aussehend, plötzlich neben der Straße auftauchen. Ein kurzer Fotostopp auf der Brücke des früheren Grenzflusses Sbrutch (von 1772 bis 1918 zwischen dem zaristischen Russland und Österreich-Ungarn und von 1920-1939 zwischen der Republik Polen und der Sowjetunion), der hier direkt in den Dnestr mündet. Nach der Brücke fahre ich schon in die Oblast Chmelnitzki ein.

27 Eine Grenzbrücke aus längst vergessenen Zeiten – die Mündung des Grenzflusses Sbrutch in den Dnestr:
Am linken Sbrutch-Ufer das zaristische Russland/Sowjetunion, am rechten Sbrutch-Ufer Österreich-Ungarn bzw. Polen.

28

Noch ca. 22 km bis in die romantische Stadt Kamenetz-Podilski. Am linken Ufer des Dnestr im Ort Shvanez ein kleines Dorffest mit Menschentrubel und rauchenden Schaschlik-Grills. Aromatische Schwaden von frisch gegrilltem Fleisch ziehen durch meine geöffneten Autofenster. Der Pawlow”sche Reiz funktioniert auch bei mir noch: Ich bekomme umgehend Appetit. Das Dumme dabei: Ich habe keine Zeit zum Halten. Der Zug, mit dem die alte Frau nebst Enkel ihre Tochter in Kiew besuchen will, wartet nicht auf uns. Sie tröstet meine Gier nach Fleisch und beruhigt mich mit dem Hinweis, in Kamenetz-Podilski gäbe es genug Restaurants, die meinem Appetit und Geschmack entgegenkämen.
Wir schaffen es pünktlich auf den renovierten und in weißer Farbe strahlenden Bahnhof. Sie freut sich, dass es doch noch geklappt hat, und auch Sie bietet mir wieder Geld für die Hilfe an. Ich verzichte dankend.

Спустило – Reifenpanne!

Heute bleibt das Zelt und das ganze Campinggerödel im Auto! Definitiv! Eine heiße Dusche in einem Hotel hat mein Körper mal wieder verdient. Den Bahnhofsvorplatz verlassend, richte ich meine Aufmerksamkeit der Hotelsuche. Der Ukraine-Reiseführer des Trescher-Verlages weist nur das aus Sowjetzeiten erhalten gebliebene Hotel Ukrajina aus. Es liegt im Zentrum der schachbrettartig errichteten und auf den ersten Blick nicht gerade einladend wirkenden Neustadt. Leider bin ich beim Befahren der Straßen und der Suche im Stadtplan nicht so richtig aufmerksam, so dass ich für einen kurzen Moment gegen eine dieser wahnsinnig überhöhten Bordsteinkanten mit dem rechten Vorderrad donnere. Die Strafe kommt prompt: Nach dem ich nach einigen Platzrunden das Hotel endlich gefunden habe, muss ich mit Bedauern einen Platten am rechten Vorderreifen des Autos feststellen. Das hatte der Reifen mir wohl doch übel genommen. Zu meinem Glück ist ein Taxifahrer an dieser Stelle parat, den ich nach einer Werkstatt frage, wo mir der Reifen wieder geflickt werden könnte. Auf meine Frage hin lässt er sofort sein Taxigeschäft sein und stürzt sich auf die Mithilfe beim Reifenwechsel, den ich nun in Angriff nehmen muss. Mit dem abmontierten Reifen macht er sich danach (ungefragt) in seinem Taxi auf den Weg zu einer Werkstatt und kommt nach 20 Minuten mit geflickter und funktionierender Ware zurück. Ich bin echt erstaunt über so viel Hilfsbereitschaft! 30 UAH (knapp 5 €) will er für seine Dienstleistung, die ich im gerne gebe. Zwischenzeitlich hatte ich mich im gegenüberliegenden Hotel Ukrajina nach freien Zimmern erkundigt. Leider waren die etwas besser ausgerüsteten Einbettzimmer mit Dusche und WC total ausgebucht, nur Einbettzimmer mit Gemeinschafts-WC und Etagenbad waren noch zum Preis von 20 € zu haben. Ich lasse mir die Zimmer lieber erst gar nicht zeigen und hoffe auf etwas besseres in der Stadt. Der Taxifahrer kann mir bei meiner weiteren Hotelsuche behilflich sein und empfiehlt das 2 km entfernt im Süden der Neustadt liegende Hotel Filwarkij Zentr. Dort richte ich mich bequem in einem rustikalen Zimmer mit WC-Raum, Badezimmer, Fernsehzimmer und großem Flur für nur 210 UAH (33 €) ein. Der verdienten Dusche folgt ein Spaziergang durch die schon dämmrige Altstadt, verbunden mit der Suche nach einem Restaurant, um meinen nun schon sehr hungrigen Magen zu füllen.

kp_05Hinter der alten Festung finde ich das dort niemals vermutete Hotel-Restaurant „Ksenia„, das westeuropäischen Ansprüchen durchaus genügen kann. Die Mitarbeiter eines Kiewer Architekturbüros halten im Saal gerade ihre Jahresabschlussfeier ab und die Küche hat für die knapp 90 Gäste eine Menge zu tun. Aus diesem Grund muss ich dann auch mit einer eingeschränkten Menükarte Vorlieb nehmen und esse nach Empfehlung der Wirtin.

Während des Abends geselle ich mich zu den am Nachbartisch Sitzenden, denen ich irgendwie ansehen kann, dass sie sehr westeuropäische Züge tragen. Es stellt sich heraus, dass es ebenfalls Deutsche sind und hier einen ganz anspruchsvollen Aufenthalt vollführen: Der Älteste von den Dreien, Hans, reichlich 82 Jahre alt, kam als junger Soldat der Wehrmacht auf dem deutschen Rückzug im April 1944 hier in der Stadt in sowjetische Gefangenschaft. Die anderen beiden: Seine Tochter (Ende 40) und sein langjähriger Freund Manfred (65 Jahre alt) begleiten ihn bei seinen Aktivitäten. Sie kommen aus dem norddeutschen Raum (HH-Harburg, Dithmarschen und Lübeck) und sind ebenfalls wie ich mit dem Pkw unterwegs. Hans war beim Aufenthalt kurz vor und während seiner Gefangennahme 1944 von der ihm gegenüber aufgeschlossenen und hilfsbereiten Bevölkerung der Stadt und der weiteren ländlichen Umgebung von Kamenetz-Podilski so angetan, dass er es sich zu einem Ziel seines Lebensabends gemacht hat, kp_04der jetzt dort herrschenden Armut in vielen Familien mit dem zielgerichteten Verteilen von Sach- und Geldspenden entgegenzutreten. Er hat sogar extra für diese Zwecke vor zwei Jahren angefangen, Ukrainisch zu lernen und konnte dies auch sehr gut unter Beweis stellen. Der Abend wird lang und geht bis in die tiefe Nacht, denn wir haben uns viel zu erzählen über den 2. Weltkrieg, deutsche Nachkriegsgeschichte, Politik, unsere Erlebnisse hier in der Ukraine, das Reisen an sich. Ein polnischer Touristen-Scout aus Glogów an der Odra (Oder), Piotr, Anfang 40, der eine 15-köpfige Touristengruppe leitet und auch hier im Hotel einquartiert ist, gesellt sich ebenfalls noch zu uns und mit ein paar Brocken Polnisch, Englisch, einem Misch aus Ukrainisch/Russisch sowie Deutsch kommen wir ganz gut beim Gespräch voran.

Sonnabend, 14. Oktober 2006
Kamenetz-Podilski

In der Nacht flossen nebenbei noch viele Wässerchen durch unsere Kehlen. Umso später gestaltete sich leider auch das Munterwerden am heutigen Tag. Ich verzichte auf das Frühstück und ziehe lieber ein kräftiges Mittagessen im Restaurant an der Stadtmauer gegenüber der Festung vor. Und dann gibt es noch so viel zu entdecken in dieser Stadt:

Die historische Stadt Kamenetz-Podilski, der Fluss Smotrych und der Nationalpark „Podilskyie Tovtry”

Hier steckt Potential! Wahnsinnig viel touristisches Potential! Und das so scheinbar weitab von Mitteleuropa, aber doch irgendwie mittendrin. Genau 1.000 km von Berlin entfernt. Hier wird Geschichte publik. Die Lage der Stadt – einfach beneidenswert! Wer das malerische Veliko Tarnovo in Bulgarien, Carcassonne in Südfrankreich oder Rothenburg ob der Tauber in Mittelfranken kennt, weiß, wovon ich spreche. 29_aStrategisch günstig – für mittelalterliche Infrastrukturen ein Volltreffer zur Besiedlung. Litauer, Polen und Ukrainer gründeten vor reichlich 900 Jahren das reizvolle Städtchen und brachten es zur Blüte. Armenier waren ebenfalls bestimmend und prägten das Leben und die Architektur in einem Großteil der Altstadt. Das sich ca. 80 m tief in die Umgebung schneidende und stark mäandrierende Flüsschen Smotrych bildet hier eine fast 360°-Flussschlinge, bei der ein Inselberg stehen geblieben ist, auf dem sich die 2 km2 große Altstadt über den Fluss erhebt. Leider haben die Zerstörungen bei der Befreiung der Stadt im April 1944 viele Lücken hinterlassen, die nur langsam und unter größten Anstrengungen wieder geschlossen werden können. Dennoch gibt es viel zu entdecken und sei es nur die beeindruckende Burg- und Festungsanlage – im 18. Jh. Polens größte und mächtigste Festung! Die Kalksteinwände im Stadtgebiet und außerhalb der Stadt im Tal des Smotrych bieten tolle Sportklettermöglichkeiten.

29

30

kp_01 kp_02
kp_03 kp_06

Das Restaurant „Pid Bramoyu“ (Kamenez Podilskij)
…integriert in die Kasematten an der Stadtmauer der Altstadt gegenüber der Festung
Auszug aus dem Menü (Preise sind vom Oktober 2006):
Bier: 0,5 l – 3,50 UAH (0,52 €)
Cola, Fanta, Sprite: 0,5 l – 4,50 UAH (0,67 €)
Tee: 1,50 UAH (0,22 €)
Espresso: 3,50 UAH (0,52 €)
diverse Salate: von 3,50 – 18,00 UAH (0,52 – 2,70 €)
Sandwiches: 4,20 – 9,60 UAH (0,63 – 1,44 €)
Borschtsch (300 g): 7,00 UAH (1,05 €)
Soljanka (350 g): 7,70 UAH (1,15 €)
Okroshka (250 g): 4,50 UAH (0,67 €)
18 verschiedene Hauptgerichte, so u.a.:
- Forelle (100 g) 20,00 UAH (2,98 €)
- Hühnchen (100 g) 7,50 UAH (1,12 €)
- Schaschlik (100 g) 9,50 UAH (1,42 €)
- Pelmeni (200 g) 4,90 UAH (0,73 €)

Am späten Nachmittag verabschiede ich mich gen Norden aus der interessanten Stadt. Gern wäre ich einen weiteren Tag geblieben, doch andere Ziele locken. Vielleicht gelingt es mir ja auf dem Weg in Richtung Heimat irgendwie an die Ufer des Südlichen Bug zu gelangen. Reichlich 180 km sind es noch bis dahin, wo es die interessante Umgebung des Flusses gestattet, ein Boot aus sportlichem/touristischem Anlass auf das Wasser zu bringen. Nächstes Ziel ist daher die Gegend um die Städte: Medshibosh, Chmilnyk und Winniza.

Schon mal auf einem Korallenriff gezeltet?

Vorher jedoch begebe ich mich im herrlichen Frühabendlicht noch auf Erkundungstour zu den geologischen Sehenswürdigkeiten am nördlichen Rand des Nationalparks Podilskyie Tovtry. Der Nationalpark ist übrigens der älteste in der Ukraine, bedeckt eine Fläche von reichlich 2.400 km2 und begrenzt die Landschaft in einem gedachten Dreieck zwischen dem östlichen Ufer des Flusses Sbrutch, dem nördlichen Ufer des Dnestr und der ca. 90 km langen Kette der so genannten Tovtrys. Bei diesen handelt es sich um die Überreste eines ca. 11 Millionen Jahre alten Meeresriffes vom nördlichen Uferbereich des Sarmatischen Meeres. Dieses einst subtropische Meer bedeckte im jüngsten Abschnitt der erdgeschichtlichen Epoche des Neogen (früher: Tertiär), dem Sarmatium, eine Fläche von den Alpen bis zum Aralsee. Es war der durch Hebungs- und Senkungsvorgänge der Erdkruste langsam verlandende Teil des “europäischen Teils” des Urozeans Thetys, der auch als Parathetys bekannt ist. Die heutigen Überreste des Sarmatischen Meeres sind das Schwarze Meer, das Kaspische Meer und der Aralsee. Einige dieser alten Riffe werden in Tagebauen als Rohkalkstein abgebaut und entsprechend weiterverarbeitet.

tovtry_00
Die Tovtrys – sich 10 bis 55 m über das Umland erhebende, aus versteinerten Muscheln und Korallen bestehende Hügel

40 km nördlich von Kamenetz-P., im Städtchen Smotrych (am gleichnamigen Fluss, der auch durch Kamenetz-P. fließt) mache ich noch einmal einen Stopp, bevor ich mir ein Korallenriff mitten in der Landschaft aussuche, um mir für die Nacht einen Lagerplatz im Zelt herzurichten. Ein kurzes Stück gut zu befahrenden Feldweges führt mich von der Hauptstraße an einen von weitem sehr gut erkennbaren Hügel heran. Ja, es sind wirklich Korallen, bzw. deren versteinerte Reste, die hier einfach so unter der knapp bemessenen Grasnarbe liegen und als grauweiße sowie klobige und mitunter scharfkantige Kalksteine in Erscheinung treten. Als hätte es die Zeit nie gegeben, nur das Resultat ehemaligen Lebens wird hier offenbar…

Mein Zelt stelle ich im Licht der glutrot untergehenden Sonne auf, besorge mir das für einige Stunden vorhaltende Lagerfeuer im nahe gelegenen Korallenriff-Birkenwäldchen herumliegende entsprechende Brennmaterial, genieße die strahlend helle Milchstraße über der mich umgebenden ukrainischen Waldsteppe, bereite Taucheranzug nebst Flaschen, Flossen und Blei vor und tauche hinab auf die Suche nach dem Clownfisch Nemo, wo dieser schon vor etlichen Millionen Jahren zwischen See-Anemonen, Seepferdchen, Putzergarnelen, Kugelfischen, Weißen Haien und Meeresschildkröten sein Wesen und Unwesen trieb…

tovtry_01

tovtry_02

Sonntag, 15. Oktober 2006
NP Podilski Tovtry – Dunaivzy – Dnestr-Stausee – Chotin – Czernowitz

Acht Uhr morgens. Draußen nimmt dicker Nebel dem Land die Konturen. Grau liegt das Land, der Wind weht garstig, es nieselt kräftig – kein Platz, um länger als unbedingt nötig zu verweilen. Die Temperatur liegt bei gerade mal nur +5 °C. Betrübt über das während der Nacht heraufgezogene Tief mit seinen schweren grauen Wolken packe ich meine Sachen, lege das triefend nasse Zelt einigermaßen zum Trocknen im Auto breit und entscheide, die Fahrt zum Südlichen Bug nun ganz sein zu lassen. Schade eigentlich. Aber irgendwann hat eben jedes Hoch mal ein Ende…

Kurzerhand plane ich um und begebe mich auf den Weg nach Süden. In Rumänien sollte sich die Sonne sicher noch mal zeigen lassen. Und vom Dnestr will ich schließlich auch noch ein Stück erleben. Über das landwirtschaftlich geprägte Ackerbürgerstädtchen Dunajivzi (mit imposanter Lenin-Statue) erreiche ich nach 70 km bei der Ortschaft Stara Uschizja das nördliche Steilufer des hier auf einer Länge von 100 km angestauten Dnestr.

31
Dnestr bei der Bakota-Bucht oberhalb eines slawischen Höhlenklosters

Mehrere hundert Meter breit ist hier der Dnestr, über den bis zu 120 m hohe, teils unbewachsene Kalksteinfelsen aufragen. Besonders imposant wirkt dies am Ufer der reichlich 7 km2 großen und durch den angestauten See ausgefüllten Bakota-Bucht. Nur wenige Meter über dem jetzigen Ufer findet sich ein reichlich 1.200 Jahre altes slawisches Höhlenkloster, dessen Wohnräume und Gebetsnischen in den Fels geschlagen wurden. Neben Ikonen sowie bunten Gebetstüchern finden sich an diesem recht abseits gelegenen Ort noch einige „heilige“ Mineralquellen, an die in Form von kleinen Bilderrahmen die offiziellen lebensmittelchemischen Analysen des ukrainischen Gesundheitsministeriums geheftet sind.

Leider gibt es auf dem gesamten Abschnitt des gestauten Dnestr keine Querungsmöglichkeit in Form einer Brücke oder Fähre, so dass ich kurzerhand leider nicht auf das südliche und damit höhere Ufer wechseln kann. So wende ich mich wieder gen Westen, quere mehrere, den Dnestr von Norden zufliessende kleine Flüsschen und Bäche, die kurz vor ihrer Mündung sehr steile, malerische und pittoreske Täler bilden (Uschizja, Studenizja, Ternava, Mukscha). Keiner Menschenseele begegne ich an diesem grauen Nachmittag, kaum ein anderes Fahrzeug bekomme ich zu sehen.

Als Tagesziel fasse ich die zweitgrößte Stadt der Westukraine, Tshernivzi (Czernowitz) ins Auge. Bis dahin sind es nur noch ca. 90 km und damit besteht noch genügend Zeit, die majestätische Festung am Ufer des Dnestr in Chotin zu besichtigen. Bis weit ins 18. Jahrhundert Schauplatz diverser kriegerischer Auseinandersetzungen und ständig im wechselnden Besitz von Polen, Russen, Türken und Kosaken steht sie wie eine dicke Trutzburg zum Schutz an einem der wichtigsten Übergänge über den Dnestr. In sowjetischen Zeiten war sie ein wichtiger Drehort für weit über 50 Spielfilme mit historischen Vorlagen.

32
Festung Chotin am rechten Dnestr-Ufer

Auf der Fahrt ins 65 km entfernte Czernowitz begleitet mich viel Fernverkehr, schließlich ist die Straße M-20 eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Rumänien (von Suceava) und der Ukraine (weiter über Chmelnizki, Shitomir nach Kiew). Bei diesem wolkenverhangenen Himmel ist es nun bereits gegen 18 Uhr dunkel und ich muss mich in Tshernivzi angekommen durch eine nur spärlich beleuchtete Großstadt kämpfen. Im Hotel Bukovina, ca. 3 km vom Stadtzentrum entfernt, finde ich in Form eines sowjetischen Plattenbauhotels ein recht liebevoll eingerichtetes und günstiges Einzelzimmer (18 €), dem es an keiner Dienstleistung mangelt. Bis auf die erbärmlich laut tickende (moderne) Wanduhr, der ich für ein paar Stunden den Strom abklemme, habe ich nichts auszusetzen. Im noblen hoteleigenen Restaurant, in dessen Nebengelass auch eine lautstarke Hochzeit stattfindet, lasse ich mich für einige Stunden nieder und versuche etwas von dem altehrwürdigen Odeur aufzusaugen, den die einst als “Klein-Wien” bezeichnete Stadt verströmte. Czernowitz, bis 1918 Hauptstadt der Bukowina und Österreich-Ungarns östlichste Großstadt, bekannt als ein Zentrum der jüdischen Literatur (Paul Celan und Rose Ausländer) sowie Kunst/Malerei und Architektur, hat durch die Vertreibung der Volksgruppen nach dem 2. Weltkrieg und der Ermordung der Juden so gut wie fast alles von der alten Tradition eingebüßt. Scheinbar deplatziert wirkt zusätzlich auch auf dem Czernowitzer Rathausplatz eine Statue des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko, der nie eine Beziehung zur Bukowina bzw. dieser Stadt hatte, die auch heute noch beachtliche architektonische Baudenkmale aus Jugendstil, Wiener Secession, Kubismus und Baustil ihr eigen nennen kann.

Montag, 16. Oktober 2006
Czernowitz – Radauti/Rumänien – Karpatenpass „Mestecanis“

Gegen 8 Uhr wecken mich Hämmergeräusche aus dem Hinterhof des Hotels. Eine neue Woche hat begonnen, am Gerüst des Hotels werkeln bereits eifrig die Bauarbeiter an der Renovierung der Außenfassade. In der Etagenbar nehme ich ein spartanisches Frühstück (mit diesen typisch auf sowjetische Art in viel Öl gebratenen Eiern) mit kräftigem Kaffee zu mir und bin trotz des immer noch schlechten Wetters bereits 9 Uhr auf den Beinen in der Stadt. Nasse und graue Wolkenfetzen ziehen wie auch am Vortag über den Zenit, die Stadt wirkt wenig einladend zu einem Rundgang.

Dennoch genehmige ich ihn mir und es lohnt sich: Architektonisch hat Czernowitz für einen Kurzaufenthalt nämlich richtig viel zu bieten: Residenz des Metropoliten der Bukowina im Neorenaissance-Stil (heute Universität), das Theater, Jüdisches und Deutsches Haus, die Häuser in der Herrengasse, die Synagoge, das Paul-Celan-Geburtshaus, Rathaus, Kunstmuseum und der Jüdische Friedhof.

Am Nachmittag verlasse ich Czernowitz in Richtung Süden. Nach nur 42 km auf der M-20 finde ich mich bereits an der ukrainisch-rumänischen Grenze wieder. Die Ukrainer fertigen ohne großen Aufwand ab, auf der rumänischen Seite geht gleich die große Abzockerei los: Erst für 8 € durch die Antiseuchendusche, danach rumänische Straßengebühr mit Vignettenausgabe für 23 €, Grenz- und Zollkontrolle und bevor ich auf die rumänische Wildnis losgelassen werde: 10 € Umweltabgabe (sogar mit Quittung).

Rumänien. Endlich einmal wieder da. Meine letzten Erlebnisse reichen 24 Jahre zurück. Wenn ich auch nur in den höchsten Teilen des Fagaras-Gebirges sowie den Kerngebieten von Siebenbürgen unterwegs war und aus dieser Zeit ganz eigenwillige Erlebnisse (sowohl positiv als auch negativ) in meinen Gedanken haften geblieben sind. Doch jetzt bin ich im Norden. Mal sehen was die Durchfahrt durch die nördlichen Landesteile bringen wird.

In Siret, dem Städtchen am gleichnamigen Fluss (Siret – Nebenfluss der Donau) besorge ich mir an einem Geldautomaten erst einmal etwas Proviant für das Portemonaie, um an Tankstellen und Hotels nicht mit leerer Tasche dazustehen. Danach auf in die Berge. Der immer noch dunkelgraue und wolkenverhangene Himmel kämpft mit einigen Sonnenstrahlen und läßt sich ab und an von ihnen durchlöchern. Im Westen ist bereits schemenhaft der Höhenzug der Karpatenkette Obcina Mare zu erkennen. Ihm werde ich heute noch entgegenfahren und mir dort ein warmes Quartier suchen. Den Besuch einiger inzwischen zum UNESCO-Welterbe gehörenden Moldau-Klöster lasse ich aus Zeitgründen sein.

Auf dem Weg in die Berge begegne ich immer wieder freundlich grüßenden Menschen und vor allem den hier an allen Straßenrändern vorkommenden Waldarbeitern. Kaum erkennen sie am Kennzeichen des Autos meine Herkunft, nehmen sie ihre Mützen ab und winken. Bis auf 1.109 Meter schraube ich mich hinauf in die Karpaten und werde hier und heute bereits vom Winter überrascht: Nasser Schnee liegt auf Blättern, Zweigen und der Straße, die Luft ist klamm und nasskalt – ein erster Vorbote des in wenigen Wochen auch in Deutschland bevorstehenden Winters. Noch zweimal habe ich heute die Begegnung mit Eis und Schnee: Am Pass Pascanu (1.040 m) in den Bergen der Obcina Feredeu und am Mestecanis-Pass in 1.096 m Höhe. Pünktlich zur Dämmerung reißt der Himmel endgültig auf, gibt einen funkelnden Sternenhimmel frei und das hier befindliches Motel öffnet für mich seine Türen. Zwei agile Rumäninnen leiten dieses recht modern eingerichtete Haus und kredenzen mir zur Abendbrotzeit noch richtig gute rustikale rumänische Kost. Durch die frostige Luft in den Bergen heulen Wölfe und die Hunde in den nahe gelegenen Dörfern um die Wette… Ich schlummere dabei einem sonnigen Tag entgegen.

Dienstag, 17. Oktober 2006
Goldene Bistritz/Rodna-Gebirge – Baia Mare – Miscolc/Ungarn

7 Uhr am Morgen, minus 6 °C zeigt das Thermometer. Die Scheiben des Autos sind dick mit Eis überzogen, Winterausrüstung habe ich noch nicht mit an Bord. Zum Scheiben freikratzen muss ich das Schneidebrettchen aus meiner Campingküche hervorkramen. Die Sonnenstrahlen am heute endlich wieder strahlend blauen Himmel helfen mir enorm beim Enteisen.

Doch jetzt abwärts, ins Tal der Goldenen Bistritz. Den „Rittlinger-Fluss“ mal im Licht des Herbstes erleben. Im Ort Iacobeni verlasse ich die Hauptstraße E576 nach Norden und wende mich, dem Oberlauf der Bistritz auf einer Länge von 50 km folgend den höchsten Erhebungen in Nordrumänien, den Bergen des Rodna-Gebirges zu. Dass sich dieser ungeplante Abstecher absolut gelohnt hat sollen die folgenden Bilder demonstrieren:

bi_01

bi_02

bi_03

bi_04

bi_05

bi_06

Mein Fazit: Mit 30 cm mehr Wasserstand in der Bistritz eine absolut geniale Strecke! Wenige Hindernisse, sauberes Wasser, romantische Biwakplätze, idyllische Natur – im Oberlauf in Höhen um die 900 bis 650 m ein flottes, leicht mäandrierendes Flüsschen, was für eine 2 bis 3-Tagestour (entsprechende Weiterfahrt über Vatra Dornei bis zum Stausee „Lacul Izvorul Muntelui„ bei Bicaz) absolut tauglich ist. Weitere Informationen zur Goldenen Bistritz auf den Seiten vom Karpatenwilli: Helmut Paul – Mit dem Faltboot auf reissenden Flüssen

Am 1.406 m hoch gelegenen Prislop-Pass begegne ich noch einmal einer geschlossenen Schneedecke, genieße eine herrliche Fernsicht auf die umliegenden 2.000er des Rodna-Gebirges und der Berge in der nahen Ukraine und fahre dann endlich wieder in den warmen und goldenen Herbst durch farbenfrohe und bunt belaubte Wälder der Karpaten in der Region Maramures. In der Großstadt Baia Mare und der Grenzstadt zu Ungarn, Satu Mare, hat mich die Zivilisation am Abend wieder eingeholt. Schon bald nach dem Grenzübertritt nach Ungarn wirkt alles EU-geregelt, aufgeräumt, solid, streng, einfach konservativ und irgendwie … (ätzend)

Bis nach Budapest schaffe ich es am heutigen Abend nicht ganz und steige deshalb in einem Motel am Stadtrand der nordungarischen Stadt Miscolc ab.

Mittwoch, 18. Oktober 2006
Miscolc/Ungarn – Budapest – Visegrad am Donauknie

hu_budapest

Zum Ausklang dieser herrlichen Karpatentour genieße ich noch einen Tag in der bezaubernden ungarischen Hauptstadt – übrigens immer eine Reise wert – und fahre durch das schöne Donauknie mit noch einer weiteren Übernachtung in Visegrad durch die Slowakei und Tschechien am darauf folgenden Tag wieder nach Deutschland zurück.

Mein Fazit

Ein absolutes Muss! Auch wenn man als Paddler immer wieder gern nach Skandinavien, Masuren, die Alpenflüsse, Mecklenburg-Vorpommern, zu mitteleuropäischen Großflüssen sowie nach Frankreich fährt: Das wirkliche Zentrum Europas sollte man sich nicht entgehen lassen – hier gibt es noch so manches Schätzchen zu heben! Es lohnt sich!

Ein paar Kommentare zu “Herbstliche Flußerkundungen in der Westukraine

  1. lzdd

    Hallo,

    ich habe gerade den beitrag über die ukraine-reise gelesen. hat mir sehr gut gefallen: übrigens auch sehr gut fotografiert. ich war 2002 in der slovakei auf den spuren von andy warhol und wollte auch in die ukraine, aber damals war ohne visum kein weg rein. plant jemand eine kanu-reise auf den dnjestr? ich habe vor 10 jahren ein halbes jahr praktikum in weißrußland gemacht und interessiere mich für alle unsere östlichen nachbarn, je weniger westlich desto besser. wäre schön was vom verfasser zu hören!

    lzdd

    Antworten
  2. Chris

    Eine wunderschöne Reisebeschreibung, die ich begeistert gelesen habe, nachdem ich Deinem Link auf faltboot.de gefolgt bin. Leider spreche ich kein Russisch, sonst könnte mir so eine Tour – auch in der Gruppe – gut gefallen. Ohne jegliche Sprachkenntnisse scheint mir das aber dann doch zu gefährlich zu sein, leider.

    Grüße Chris

    Antworten
  3. Frank Fichtmüller

    Mannomann, Carsten – da haste nun wirklich was vorgelegt. Um das alles paddeln zu können muss Mensch wirklich erst in die Rente kommen. Danke dafür, dass du den Bericht – und die Bilder – mit uns teilst. Sag mal: Wo zieht‘s Dich nach all dem am meisten hin?

    Herzlichen Gruß, Frank.

    Antworten
  4. Werner Schmiedel

    Hai Carsten, eine Reisebeschreibung der Art, die das BUM nochmal eine Stufe höher höbe, ich hoffe, noch viel von dir zu lesen.

    Grüsse vom Werner

    Antworten
  5. willy

    Professionelle Seite, ist ja Weltnivoh! Sehr Informativ auch die ganzen Preisangaben. 60 Cent für ‘ne Schachtel Marlboro – kein Wunder, dass soviel geschmuggelt wird.

    Antworten
  6. =CS=

    Mama mia, lieber Carsten, was für eine Arbeit!!!

    Das muss ein wunderschöner und abenteuerlicher Urlaub für Dich gewesen sein – so wunderschön wie es auch die Fotos sind … Bei einigen noch die Weißschleier entfernen – Du weißt schon … Mir gefällt die Wahl der Bildformate und deren Rahmung, Deine Schriftartwahl und -farbe = layout-Betrachtung aus künstlerischer Sicht eben ;-) … Inhaltlich finde ich es toll, dass Du alle Städte und wichtigen Informationen mit der Wikipedia u.a. verlinkt hast. Dadurch wird Deine Reisebeschreibung richtig spannend und lehrreich zugleich – wie auch durch die Filmzitate über die Mitte Europas u.a. Hier ist man wirklich mittendrin – im Urlaub ;-) … Also, ich muss schon sagen – Dein “Winterwerk” ist Dir rundum gelungen und schade, dass Du mich nicht gefragt hast, mit Dir mitzukommen. Hätte echt Lust gehabt :-)

    Sonnige Grüße lieb zu Dir von =CS=

    Antworten
  7. Thomas

    SUPER!

    Sehr schöner Reisebericht! Da wäre man gern dabei gewesen. Bin übrigens über den Link des Faltbootforums hier her gekommen.

    Lg. aus Dresden

    Antworten
  8. Detlef Garte

    Hallo Carsten!

    Heute nun konnte ich mir die Zeit nehmen, in Ruhe und mit Muse Deinen liebevollen Text zu lesen und die Bilder zu genießen. Und bedauere umso mehr, daß der Termin für die Ukraine-Fahrt für uns so ungünstig liegt. Aber dann wird es halt ein anderes Mal!

    Bis bald auf‘m Wasser oder anderswo

    Detlef

    Antworten
  9. Maria Ostaszewska

    Hallo,

    ich moechte mich bei Ihnen recht herzlich fuer den Reisebericht bedanken. Ich bin Polin. Im Juli 2006 habe ich 10 Tage in der Ukraine verbracht. Ich war u.a. in Kamenetz-Podilski. Im 2008 werde ich ins ukr. Gebirge fahren (Gorgany, Tschornahora).

    Gruesse aus Stettin

    Maria

    Antworten
  10. Gerhard Bartosch

    Werter Carsten!

    Das nenne ich einmal einen grossartig gemachten und informativen Bericht. So eine Seite verlinke ich sehr gerne auf meiner ukraina.at und im Forum. :-)
    Noch viele schoene Reisen und tolle Berichte von ihnen aus der Ukraine wuenscht sich

    Gerhard Bartosch

    Senator of JCI
    Initiator http://www.ukraina.at

    Antworten
  11. Peter

    Hallo Carsten,

    habe Deinen Reisebericht gelesen. Ein wirklich gelungener Bericht mit eindrucksvollen Bildern. Werde im August mit meinem Landrover Wohnmobil eine ähnliche Tour durch die Karpaten und Rumänien unternehmen. Durch Deinen Bericht bin ich zusätzlich inspiriert worden.

    Vielen Dank

    Peter

    Antworten
  12. Jörg

    Die Art und Weise der Beschreibung von Landschaften, Städten und Leuten hat mir sehr gut gefallen. Ein herrlicher Erzählstil! Ich kann eigentlich keinen Unterschied zu Autoren erkennen, welche diese Kunst des Erzählens und Beschreibens professionell ausüben. Vielleicht solltest Du Dir mal über eine Karriere als Schriftsteller Gedanken machen. Bei mir jedenfalls haben Deine niedergeschriebenen Erlebnisse und Empfindungen das Verlangen ausgelöst, selbst diese Gegend der Welt zu bereisen. Vielleicht klappt´s ja bald mal wieder mit einer gemeinsamen Tour, nach dann schon immerhin 15 Jahren…

    Antworten
  13. Christof Wirnsperger

    Hab das jetzt nur überflogen. Sitze aber schon länger über dem Atlas und schaue auf den Dnjestr. Mag ja Flüsse die nach Süden entwässern. Kenn die Donau nur im Oberlauf. Zwei Monate Zeit…

    Gruesse aus Graz

    Christof

    Antworten
  14. Herbert Ulrich

    Auf der Suche nach dem Taubenbuch des Baal Schem Tow und andere Geschichten aus dem Karpatenhochland von Huzulen, Chassidim und Rachmanen

    Stanislaw Vincenz wurde 1888 in einem kleinen Ort in den damals österreichischen, dann polnischen und heute ukrainischen Ostkarpaten geboren, wo seine einst aus Südfrankreich eingewanderten Vorfahren Erdöl förderten. Er selber interessierte sich allerdings mehr für die Mythologie der Huzulen, eines westukrainischen Bergvolkes an der (1920-1939 polnisch-rumänischen) Grenze zwischen Galizien und der Bukowina. Dort lagen auch die Anfänge des dem Leser sicher schon von Martin Buber her bekannten Begründers des Chassidismus Israel (Srul) ben Elieser, genannt der Baal Schem Tow (Meister des Guten Namens). In seiner Leuchtspur bewegten sich die mystisch veranlagten „Waldjuden”, die unter dem geradezu überwältigenden Einflu߸ eher pantheistisch veranlagter huzulischer Weiser und Naturphilosophen die Enge der kleinstädtischen Ghettos überwanden. Der von Stanislaw Vincenz in einer leider unvollendet gebliebenen Erzählung verewigte „Jekely der Einfältige” zum Beispiel ist eine leuchtende Gestalt, die sonst wohl nur mit Franz von Assisi zu vergleichen wäre. Und Tanasij erinnert an Sokrates und Diogenes – oder sind das eher thrakisch-bogumilische Unterströmungen?

    Nach dem Einmarsch der Sowjets 1939 floh Vincenz mit seiner Familie über Ungarn in die Schweiz, wo er 1971 starb, ohne sein geliebtes Huzulenland noch einmal wiedergesehen zu haben. Aber auch dort überließ er sich nicht bloßer Nostalgie, sondern schuf mitten im mythenreichen Alpenraum eine Art „Platonische Akademie” für suchende Geister.

    Prof. Andrzej de Vincenz, der Sohn des Schriftstellers, lebt heute in Heidelberg. In Lublin wirkt das auch in Deutschland bekannt gewordene „Sankt-Nikolaus-Orchester”, das in Mittel- und Westeuropa ein starkes Interesse für die huzulische Musik geweckt hat. Originale Huzulenmusik macht die „Kapela Czeremosz” des genialen Geigers Roman Kumlyk aus Werchowyna, die ebenfalls schon in Deutschland aufgetreten ist.

    Ich glaube, es ist nicht übertrieben, wenn ich nach einem eindrucksvollen Besuch bei Roman die Huzulen mit ihrer fast schamanistischen Naturverbundenheit als „die letzten Indianer Europas” bezeichne. Vincenz‘ Buch „Na wysokiej połoninie” ist bisher im deutschsprachigen Raum noch ganz unbekannt, trotz guter Kontakte des Verfassers zu Schweizer Philosophen und Schriftstellern wie Rudolf Maria Holzapfel, Hans Zbinden und Peter Marbach. 1955 erschien in New York eine englischsprachige Auswahl („On the High Uplands”) in der Übersetzung von Harry Stevens. Ich habe ganz bewußt unbekannte Texte ausgewählt, die ich ich für besonders inspirierend halte – in der Hoffnung, daß sich vielleicht ein Verlag findet, der es mir ermöglicht, das gesamte, vierbändige Werk ins Deutsche zu übersetzen. Wahrlich eine Lebensaufgabe.

    Bitte alle an der deutschen Vincenz-Übersetzung interessierten Personen, sich bei mir per E-Mail zu melden!

    herbert.ulrich@gmail.com

    Antworten
  15. Valentyna

    Hallo Carsten,

    habe Deinen wunderschoenen Bericht ueber meine Heimat mit Genuss gelesen. Es war sehr beeindruckend … Bilder, Bericht und Schreibweise – einfach toll!!! Freue mich das es noch Menschen gibt, die die Natur noch zu schaetzen wissen.

    Vielen Dank.

    Valentyna.

    Antworten
  16. Ulrike Messer

    Ganz toller Reisebericht. War auch schon in Nordrumänien, Suceava, bin aber an der Grenze – spontaner Entschluß – gescheitert, da wir kein Visum hatten … Das einzige das fehlt, eine kleine Landkarte, damit die Reise nachvollzogen werden kann. Sind ja alles nicht so bekannte Orte…

    Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>